Antrag zur Sitzung der Gemeindevertretung am 25.6.2020

Betreff: Widmung des Saales des Bürgertreff in “Dietrich-Bonhoeffer-Saal”

Beschlussvorschlag:

Die Gemeindevertretung beschließt, dass der große Saal im Bürgertreff in der Raiffeisenstraße den Namen “Dietrich-Bonhoeffer-Saal” erhält. Die Widmung wird nach entsprechender Vorbereitungszeit eine öffentliche Veranstaltung einführen. Sie ist nach der Widmung gültig, d.h., dass

1.alle Gliederungen der Gemeinde diese Bezeichnung in ihren offiziellen Kommunikationswegen benutzen und

2.die Eingangstüren des Saales entsprechend beschildert werden.

Begründung:

“Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen”

(Ein Ausruf Bonhoeffers gegenüber seinen Studenten, überliefert von seinem Freund Eberhard Bethge)

Umgang mit den AfD-Veranstaltungen in Schöneck. Um der AfD die Anmietung des großen Saales im Bürgertreff unangenehm zu machen, ist die offizielle Benennung des Saales mit dem Namen eines Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus ein opportunes Mittel. Die WAS-Fraktion schlägt hierfür den Namen von Dietrich Bonhoeffer vor.

Wer eine Benennung vorschlägt, muss zweierlei begründen: Zum einen, warum überhaupt das “Kind einen Namen” haben soll und zum anderen, warum ausgerechnet diesen.

Zum ersten:

Wie oben schon gesagt, ist die Benamung mit dem Ziel verbunden, seine Anmietung durch rechtsradikale, nationalsozialistisch denkende und operierende Kreise zu erschweren. Zwar mag das nicht ausreichend sein, seine Anmietung ganz zu verhindern, es wird aber ganz sicher zu Diskussionen innerhalb der AfD führen. Denn ein beträchtlicher Teil ihrer Mitglieder und mehr noch ihrer Wähler ist nicht im wieder auflebenden Nationalsozialismus verwurzelt, vermag aber bisher keine klare Trennlinie zu diesen Kreisen herzustellen. Dies zu befördern dient zukünftig der Name dieses Saales.

In der Geschichte sind immer wieder solche symbolischen Zeichenhandlungen vorgenommen worden, weil man den Symbolen oder Namen eine selbständige Wirkung zutraute, “Unheil oder das Böse” abzuwehren. Auch wenn unser Zutrauen heute anders strukturiert ist, lässt sich die Wirkweise von Namen und Symbolen psychologisch durchaus erklären. Wir hoffen, dass der Name in dieser Weise ‚funktioniert‘. Die Theologen nannten dies eine “apotropäische Funktion”.

Zum zweiten:

Es gilt, einen Namen zu wählen, hinter dem sich möglichst alle Demokraten, die ein Aufleben des faschistischen Gedankengutes verhindern wollen, versammeln können. Das wäre bei einem Namen mit stärkerem Lokalkolorit nicht der Fall, weil hier auch nur der lokale Raum adressiert ist. Bei den überregional bekannten Namen ist es aber schon schwieriger, einen zu finden, der für (fast) alle akzeptabel ist. Dietrich Bonhoeffer ist ein solcher. Es sind vor allem drei Aspekte seiner Person, die für uns wichtig sind:

1.Er ist konsequent gegen die nationalsozialistische Ideologie und die daraus resultierenden Verbrechen aufgetreten. Schon im April 1934 ruft er dazu auf, “dem Rad in die Speichen zufallen” und nicht bloß die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Etwa um 1940 wird er im Untergrund aktiv. Am 5.April 1943 wird er ins Gefängnis Berlin Tegel gebracht und am 9.April 1945 im KZ Flossenburg ermordet.

2.Diese politische Haltung ist wesentlich Ausfluss seines Glaubens an Jesus Christus. Er ist durch die konservativen Traditionen des deutschen Bildungsprotestantismus stark geprägt. Aber er versteht seinen Glauben als Auftrag Jesu, allen Menschen zu dienen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Nationalität, ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer politischen Zugehörigkeit und ihrer gesellschaftlichen Stellung. Das ist der breite Schirm, den er in und mit seinem Leben getragen hat, damit alle darunter Zuflucht finden können.

3.Ein ehrendes Andenken an diesen Menschen und sein Leben ist immer noch in unserer Gesellschaft viel zu wenig verbreitet, auch wenn sich in den letzten zwei Jahrzehnten hier Einiges erfreulicherweise verbessert hat. Aber die Bundesrepublik hat sich überhaupt außerordentlich schwer getan, den Tod von Dietrich Bonhoeffer als das zu sehen, was es war: eine Ermordung. Noch 1956 bestätigte der Bundesgerichtshof die SS-Schandurteile vom 8.4.1945 (!), nach denen es sich bei Bonhoeffer um einen “Landesverräter” handele. Erst der politische Beschluss des Bundestages vom 28.5.1998 erklärt alle diese Unrechtsurteile der SS-Gerichte für ungültig, 53 Jahre nach seiner Ermordung.

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